Das Change Modell nach Kübler Ross
Warum Veränderung uns so tief berührt – und was das Modell noch heute für Persönlichkeits , Personal und Organisationsentwicklung leistet
Saskia Ricker
3/21/20264 min read


Wenn wir über Veränderung sprechen, tun wir oft so, als sei sie ein rein rationaler Prozess. Ein neues Tool, eine neue Struktur, ein neues Ziel: Ankündigung, Implementierung - und schon müsste es laufen. Doch wer Menschen führt oder begleitet, weiß: So funktioniert es nicht. Veränderung ist ein emotionaler Prozess. Hier setzt das Modell von Elisabeth Kübler‑Ross an, das ursprünglich aus der Sterbeforschung stammt und später zu einem der einflussreichsten Modelle der Change‑Begleitung wurde.
Elisabeth Kübler‑Ross war Psychiaterin und Pionierin der modernen Sterbeforschung. In den 1960er‑Jahren führte sie hunderte Gespräche mit sterbenden Menschen. Sie wollte verstehen, wie Menschen mit existenziellen Einschnitten umgehen – mit dem Verlust von Kontrolle, Sicherheit, Identität. Aus diesen Gesprächen entwickelte sie die berühmten fünf Phasen des Sterbens, die später zu sieben Phasen erweitert wurden.
Spannend ist: Obwohl das Modell aus einem extremen Kontext stammt, zeigte sich schnell, dass Menschen ähnliche emotionale Muster durchlaufen, wenn sie mit jeder Art von gravierender Veränderung konfrontiert werden – ob im Privaten oder im Beruf. Deshalb wurde das Modell in die Change‑Management‑Welt übertragen und gehört heute zu den Klassikern der Organisationsentwicklung.
Ein Anwendungsbeispiel
Um das Modell greifbar zu machen, begleiten wir eine Person durch eine konkrete Veränderung: Ein mittelständisches Unternehmen führt ein neues KI‑gestütztes Planungstool ein. Es ersetzt viele manuelle Prozesse und verändert Rollen, Routinen und Verantwortlichkeiten. Unsere Beispielperson ist Anna, Teamleiterin mit zehn Jahren Betriebszugehörigkeit.
Wir schauen uns an, wie Anna die sieben Phasen durchläuft – und was das über die menschliche Seite von Veränderung verrät.
Die sieben Phasen des Kübler‑Ross‑Modells
1: Schock
2: Verneinung
3: Wut
4: Verhandeln
5: Depression
6: Akzeptanz
7: Integration
Wie Anna die Phasen erlebt
Schock
Als die Geschäftsführung das neue KI‑Tool ankündigt, trifft es Anna unerwartet. Sie hatte zwar Gerüchte gehört, aber nicht damit gerechnet, dass die Umstellung so umfassend sein würde. In ihr entsteht ein kurzer Moment der Starre. Genau das beschreibt Kübler‑Ross: Das Nervensystem versucht, die Realität zu sortieren, bevor es reagieren kann.
Verneinung
In den Tagen danach redet Anna sich ein, dass sich „für ihr Team kaum etwas ändern wird“. Sie glaubt, dass das Tool vielleicht nur ein Pilotprojekt bleibt oder dass die Einführung verschoben wird. Verneinung ist ein Schutzmechanismus – sie hält die emotionale Überforderung auf Abstand.
Wut
Als klar wird, dass die Einführung verbindlich ist und ihre bisherigen Prozesse tatsächlich wegfallen, kommt Ärger auf. Anna fühlt sich übergangen, nicht ausreichend informiert, vielleicht sogar bedroht. Wut ist eine Energieform, die Orientierung sucht. Sie zeigt, dass die Veränderung beginnt, emotional „einzusinken“.
Verhandeln
Anna beginnt, mit der Situation zu ringen. Sie fragt sich, ob sie bestimmte Aufgaben behalten kann, ob es Ausnahmen gibt, ob man das Tool nicht langsamer einführen könnte. Dieses innere Verhandeln ist der Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen. Es ist ein Übergang zwischen Widerstand und Annäherung.
Depression
Als klar wird, dass es keine Ausnahmen geben wird, fällt Anna in ein emotionales Tief. Sie fühlt sich erschöpft, zweifelt an ihren Fähigkeiten und fragt sich, ob sie in der neuen Struktur noch gebraucht wird. Diese Phase ist schmerzhaft, aber zentral: Sie markiert das Loslassen des Alten.
Akzeptanz
Nach einigen Trainings, ersten Erfolgserlebnissen und Gesprächen mit Kolleginnen beginnt Anna zu verstehen, dass das Tool nicht ihr Feind ist. Sie sieht erste Vorteile. Akzeptanz bedeutet nicht Begeisterung – sondern die Bereitschaft, sich auf das Neue einzulassen.
Integration
Einige Monate später nutzt Anna das Tool selbstverständlich. Sie hat neue Routinen entwickelt, erkennt Effizienzgewinne und gestaltet aktiv Verbesserungen mit. Die Veränderung ist nicht mehr „etwas, das ihr passiert“, sondern etwas, das sie mitgestaltet.
Warum fallen uns Veränderungen so schwer?
Das Modell zeigt eindrücklich, dass Veränderung kein linearer, rationaler Prozess ist. Menschen verlieren in Veränderungen immer etwas: Sicherheit, Routinen, Status, Kompetenzgefühl, Zugehörigkeit. Das Nervensystem reagiert darauf mit Schutzmustern. Kübler‑Ross macht sichtbar, dass Widerstand kein Zeichen von Unwillen ist, sondern ein Zeichen von Menschlichkeit.
Besonders eindrücklich ist die Phase der Depression, die im Change‑Management oft als das sogenannte „Tal der Tränen“ bezeichnet wird. Sie markiert den emotionalen Tiefpunkt: Das Alte ist nicht mehr tragfähig, das Neue noch nicht greifbar. In dieser Phase fühlen sich Menschen orientierungslos, erschöpft oder resigniert. Auch Anna, unsere Beispielperson, erlebt diesen Moment: sie zweifelt an ihrer Rolle, an der Sinnhaftigkeit der Veränderung und an ihrer eigenen Kompetenz. Genau hier entscheidet sich, ob eine Veränderung wirklich durchdrungen wird oder ob sie an der Oberfläche bleibt.
Das „Tal der Tränen“ ist kein Scheitern, sondern ein notwendiger Übergang. Es zeigt, dass die Veränderung emotional angekommen ist. Wer diesen Punkt durchschreitet – individuell oder als Team – hat die Chance, sich wirklich auf Neues einzulassen. Führungskräfte und Change‑Begleiter sind hier besonders gefragt, ihre Teams durch diese Phase zu begleiten: mit Präsenz, Kommunikation, und Feedback, Motivation, Verständnis und Raum für ehrliche Emotionen.
Veränderung fordert uns, weil sie Identität berührt. Sie zwingt uns, uns neu zu orientieren, uns neu zu definieren und uns mit Unsicherheit auseinanderzusetzen. Das braucht Zeit, emotionale Begleitung und Räume für Reflexion.
Was das Modell heute für Persönlichkeits‑, Personal‑ und Organisationsentwicklung leistet
In der Persönlichkeitsentwicklung hilft das Modell, eigene emotionale Reaktionen zu verstehen, statt sie zu verurteilen. Es schafft Selbstmitgefühl und Orientierung in Übergangsphasen.
In der Personalentwicklung unterstützt es Führungskräfte dabei, die emotionalen Dynamiken ihrer Teams zu erkennen. Wer weiß, dass Wut oder Verneinung normale Reaktionen sind, kann empathischer führen und Veränderung besser begleiten.
In der Organisationsentwicklung dient das Modell als Landkarte. Es zeigt, dass Change nicht durch PowerPoint‑Folien gelingt, sondern durch das ernsthafte Begleiten emotionaler Prozesse. Unternehmen, die das verstehen, gestalten Veränderungen nachhaltiger, menschlicher und erfolgreicher.
Du stehst selbst vor einer Veränderung – als Führungskraft, Team oder Organisation?
Mit the mindshift begleite ich Menschen, Teams und Unternehmen dabei, diesen Prozess bewusst, wirksam und empathisch zu gestalten. Ob in Workshops, Entwicklungsprogrammen oder Einzelbegleitung: Wir schaffen Räume, in denen Widerstand verstanden, Potenzial freigelegt und echte Integration möglich wird.
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