Mentale Gesundheit ist Führungsaufgabe: Warnzeichen früh erkennen und richtig reagieren
Psychische Belastung zeigt sich im Arbeitsalltag früher, als wir denken. Der Artikel zeigt, woran Führungskräfte sie erkennen, warum der Blick auf sich selbst am Anfang steht und wie das ROGER-Schema aus der Ersten Hilfe für die Seele ein Gespräch möglich macht.
Saskia Ricker
10/10/20264 min lesen


Am 10. Oktober ist Welttag der seelischen Gesundheit, und in Deutschland läuft bis zum 20. Oktober die Woche der Seelischen Gesundheit unter dem Motto „Miteinander statt nebeneinander". Für Führungskräfte und HR lohnt sich ein genauer Blick auf dieses Motto. Denn kaum jemand sieht Veränderungen im Verhalten eines Menschen so früh wie die Menschen, die täglich mit ihm arbeiten. Die Frage ist, ob wir das Gesehene einordnen können und wissen, was wir danach tun.
Warum mentale Gesundheit zur Führungsaufgabe gehört
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Laut einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage im Bundestag gab es 2024 rund 147 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen. 2014 waren es etwa 70 Millionen, die Zahl hat sich in einem Jahrzehnt also mehr als verdoppelt.
Dazu kommt die Dauer. Nach Auswertungen der AOK Baden-Württemberg für 2025 dauert ein Krankheitsfall mit einer psychischen Diagnose im Schnitt 28,1 Tage. Das ist die längste Dauer aller Diagnosegruppen. Zum Vergleich: Bei Atemwegserkrankungen sind es rund 5 Tage, bei Muskel-Skelett-Erkrankungen rund 15.
Wer früh hinsieht, kann Ausfälle verkürzen oder sogar verhindern. Und genau hier liegt die Chance von Führung: Wir sind nah genug dran, um zu bemerken, wenn etwas anders ist.
Woran du Belastung früh erkennst
Psychische Belastung kündigt sich selten mit einem lauten Signal an. Meist zeigt sie sich in Veränderungen gegenüber dem, was für diesen Menschen normal ist. Typische Hinweise im Arbeitsalltag:
Rückzug: Jemand, der sonst im Austausch war, nimmt kaum noch an Gesprächen teil.
Gereiztheit oder Schärfe, die vorher nicht da war.
Leistungsabfall, mehr Fehler, Aufgaben, die liegen bleiben.
Anhaltende Erschöpfung, auch nach freien Tagen.
Zynismus: Die Haltung zur Arbeit oder zu Kolleginnen und Kollegen kippt ins Abwertende.
Auffällig häufige Krankmeldungen oder das Gegenteil: ständige Überpräsenz.
Ein einzelnes Signal sagt wenig. Ein Muster über mehrere Wochen ist ein Anlass, das Gespräch zu suchen. Die Burnout-Forschung beschreibt mit Erschöpfung, Zynismus und reduziertem Wirksamkeitserleben (Maslach Burnout Inventory) ein ähnliches Muster, das sich früh zeigt und oft schleichend verstärkt.
Wichtig ist: Du musst nichts diagnostizieren. Du musst nur bemerken, dass etwas anders ist, und es ansprechen.
Das Frühwarnsystem beginnt bei dir selbst
Wer andere gut wahrnehmen will, braucht einen Blick für sich selbst. Wann bin ich gereizter als sonst? Wann ziehe ich mich zurück? Welche Signale sendet mein Körper? Die yogische Tradition kennt dafür den Begriff Svadhyaya, Selbststudium, und zählt ihn zu den Niyamas, den Leitlinien für den Umgang mit sich selbst. Übersetzt in den Führungsalltag heißt das: Wer die eigenen Belastungsmuster kennt, erkennt sie auch bei anderen früher und reagiert gelassener, wenn sie ihm begegnen.
Erste Hilfe für die Seele: das ROGER-Schema
Was tust du, wenn dir etwas auffällt? Das Programm Mental Health First Aid (MHFA), entwickelt um das Jahr 2000 in Australien, gibt dafür eine einfache Orientierung. Im deutschsprachigen Kurs heißt sie ROGER:
R wie Reagieren. Sprich die Person an, bevor sich das Gefühl festsetzt, dass man ja nichts sagen kann. Wähle einen ruhigen Ort, bleib bei dem, was du konkret beobachtet hast („Mir ist aufgefallen, dass du in den letzten Wochen oft müde wirkst"), und sichere Vertraulichkeit zu.
O wie Offen und vorurteilsfrei zuhören. Hör zu, um zu verstehen. Du musst nichts lösen und nichts bewerten. Ein „Das klingt belastend" bewirkt oft mehr als ein schneller Rat.
G wie Geben von Unterstützung und Informationen. Zeige Anteilnahme, vermittle Zuversicht ohne zu bagatellisieren und gib verlässliche Informationen weiter, wenn die Person danach fragt.
E wie Ermutigen, Hilfe zu suchen. Besprecht gemeinsam, wer weiterhelfen kann: Hausarztpraxis, psychotherapeutische Praxis, Beratungsstellen, betriebliche Angebote. Ermutigen heißt anbieten und begleiten, nicht drängen.
R wie Ressourcen aktivieren. Frage, was der Person bisher geholfen hat und wer in ihrem Umfeld unterstützen kann. Das stärkt das Gefühl, selbst etwas bewirken zu können.
Gibt es Anzeichen für eine akute Gefährdung, etwa Äußerungen über Suizidgedanken, geht die Sicherheit der Person jedem Gesprächsleitfaden vor. Bleib bei der Person, sprich offen und direkt an, was du wahrnimmst, und hol sofort professionelle Hilfe. Bei unmittelbarer Gefahr wählst du den Notruf.
Was MHFA leistet
MHFA-Ersthelfende sind keine Therapeutinnen oder Therapeuten. Sie diagnostizieren nicht und behandeln nicht. Ihre Rolle ist die der ersten Ansprechperson, die hinsieht und den Weg zur Fachhilfe ebnet.
Was weiß die Forschung dazu? Eine Metaanalyse von Morgan, Ross und Reavley (2018, PLOS ONE) wertete 18 kontrollierte Studien mit knapp 6.000 Teilnehmenden aus. Nach dem Training waren das Wissen über psychische Erkrankungen, die Fähigkeit, sie zu erkennen, und die Sicherheit im Umgang damit deutlich besser. Die Teilnehmenden unterstützten im Nachgang auch mehr Menschen. Die Vorurteile gingen leicht zurück. Diese Effekte zeigten sich bis etwa sechs Monate nach dem Kurs, für die Zeit danach ist die Datenlage unklar.
Was Organisationen zusätzlich tun können
Einzelne Ersthelfende ersetzen keine Kultur. Wirksam wird das Thema, wenn mehrere Dinge zusammenkommen:
Gespräche über Belastung sind normal und werden von der Führung vorgelebt.
Es ist bekannt, an wen man sich wenden kann, intern und extern.
Führungskräfte werden geschult, Veränderungen anzusprechen, ohne zu diagnostizieren.
Arbeitsbelastung wird regelmäßig besprochen, nicht erst, wenn jemand ausfällt.
Miteinander statt nebeneinander beginnt im Alltag, mit einer einzigen Frage: „Wie geht es dir wirklich?"
Wann hast du diese Frage zuletzt gestellt und dir Zeit für die Antwort genommen?
Quellen: Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke (Drucksache 21/3464) zu Arbeitsunfähigkeitstagen wegen psychischer Erkrankungen; AOK Baden-Württemberg, Fehlzeiten-Bilanz 2025 (WIdO-Auswertung); Maslach & Jackson (1981), Maslach Burnout Inventory; Morgan, Ross & Reavley (2018), Systematic review and meta-analysis of Mental Health First Aid training, PLOS ONE; MHFA Ersthelfer Deutschland, ROGER-Schema.
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