Wenn sich alles verändert: Was dich wirklich stabil hält

Transformation ist überall zu spüren: Künstliche Intelligenz, die politische und gesellschaftlichen Veränderungen, andere Werte in der jungen Generation. All dies fordert und heraus und erzeugt Herausforderungen und Stress. Ein stabiles und ausbalanciertes Nervensystem ist die Grundvoraussetzung dafür, in diesen unruhigen Zeiten körperlich und emotional gesund zu bleiben.

9/8/20265 min read

Wenn sich alles verändert: Was dich wirklich stabil hält

Immer wenn ich in meinen Kriya-Sammlungen stöbere und nach der nächsten Übungsreihe suche, die ich unterrichten möchte, lande ich in letzter Zeit fast automatisch bei denselben zwei Themen: Transformation und die Stärkung des Nervensystems, das uns durch genau diese Transformation trägt. Das ist kein Zufall. Es sind die Themen, mit denen ich mich ohnehin am meisten beschäftige, privat wie beruflich. Und es sind Themen, die gerade jetzt eine besondere Rolle zu spielen scheinen.

Transformation ist überall

Man muss nicht lange suchen, um Wandel zu finden. Künstliche Intelligenz verändert innerhalb weniger Jahre, wie wir arbeiten, lernen und kommunizieren. Politische Verhältnisse verschieben sich, an Orten, an denen wir jahrzehntelang von Stabilität ausgegangen sind. Krieg und der Wunsch nach Frieden stehen so nah beieinander wie lange nicht. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche verändern Berufsbilder, Organisationen und ganze Branchen. Medien verändern sich schneller, als wir ihnen folgen können, und mit ihnen die Art, wie Informationen bei uns ankommen. Eine neue Generation wächst mit einem völlig anderen Verständnis von Arbeit, Sinn und Zugehörigkeit heran. Wandel ist längst nicht mehr die Ausnahme, die irgendwann wieder in ruhigeres Fahrwasser übergeht. Er ist der Dauerzustand geworden.

Um gut durch diesen Dauerzustand zu kommen, braucht es etwas, das uns trägt, wenn der Boden unter den Füßen in Bewegung ist. Im Volksmund gibt es dafür eine treffende Redewendung: Da braucht man starke Nerven. Was damit gemeint ist, zeigt sich vor allem dann, wenn unser Nervensystem nicht dauerhaft im Stressmodus feststeckt. Und genau das ist heute leider viel zu oft der Fall.

Das Erbe des Säbelzahntigers

Um zu verstehen, warum das so ist, lohnt sich ein Blick zurück. Diese Reflexe haben uns Säugetieren über Jahrtausende das Überleben gesichert. Sobald der Fressfeind, in unserem Fall der Säbelzahntiger, vor uns stand, blieben drei Möglichkeiten: kämpfen, totstellen oder fliehen. In diesem Moment war keine Zeit, um nachzudenken oder bewusst zu entscheiden. Die Reaktion musste sofort erfolgen, ohne Umweg über den denkenden, abwägenden Teil unseres Gehirns.

Heute begegnen wir selten einem echten Tiger. Aber die Säbelzahn-E-Mail, die uns die Halsschlagader anschwellen lässt, kennt fast jede und jeder von uns. Oder die als unfair empfundene Entscheidung der Führungskraft, die uns Tag und Nacht beschäftigt. Der randvolle Terminkalender, der fehlende Ausgleich und der permanente Strom an Informationen, der nie ganz abreißt.

Wie sehr sich dieser Strom in den letzten Jahrzehnten verändert hat, lässt sich sogar in Zahlen fassen. Die vielzitierte Forschung von Martin Hilbert und Priscila López, veröffentlicht im Fachjournal Science, hat berechnet, wie stark die weltweite Kommunikations- und Speicherkapazität zwischen 1986 und 2007 gewachsen ist: Die weltweite Rechenleistung nahm in diesem Zeitraum jährlich um rund 58 Prozent zu, die Kapazität der Telekommunikation um etwa 28 Prozent pro Jahr. Für das Jahr 2007 errechneten die Forschenden, dass allein über Rundfunktechnologien pro Kopf und Tag eine Informationsmenge verbreitet wurde, die dem Lesen von rund 174 Zeitungen entspricht, über Zwei-Wege-Kommunikation wie Telefon und Internet kamen nochmals rund sechs Zeitungen pro Tag hinzu. Und das war der Stand vor beinahe zwanzig Jahren, vor Smartphones in jeder Tasche, vor Social Media als ständigem Begleiter, vor künstlicher Intelligenz, die Inhalte in Sekunden erzeugt.

Was das mit unserer Aufmerksamkeit macht, hat die Forscherin Gloria Mark von der University of California, Irvine, über viele Jahre untersucht. Ihre Messungen zeigen, dass die durchschnittliche Zeit, die Menschen am Bildschirm bei einer einzigen Aufgabe bleiben, bevor sie zu etwas anderem wechseln, im Jahr 2004 noch bei etwa zweieinhalb Minuten lag. In ihren neueren Erhebungen war dieser Wert auf etwa 47 Sekunden gesunken. Unser Nervensystem soll unter diesen Bedingungen zur Ruhe kommen und gleichzeitig wach, klar und handlungsfähig bleiben. Kein Wunder, dass das selten gelingt.

Warum Chips auf dem Sofa nicht reichen

Wir sind ständig in Alarmbereitschaft, kommen nie wirklich zur Ruhe. Auf dem Sofa liegen und Chips essen, das bringt vielleicht den Körper zur Ruhe. Aber solange Sorgen und belastende Gedanken im Kopf kreisen, schütten unsere Drüsen weiter Adrenalin und andere Stresshormone aus. Der Körper liegt still, das Nervensystem bleibt im Ausnahmezustand.

Das Problematische daran: Solange wir im Kampf- oder Fluchtmodus verharren, handeln wir kaum noch bewusst, sondern impulsiv, gesteuert von einem Nervensystem, das auf Überleben programmiert ist, nicht auf Reflexion. Entscheidungen, die eigentlich Weitblick und Klarheit brauchen, werden dann aus einem inneren Alarmzustand heraus getroffen. Das gilt für die einzelne Führungskraft genauso wie für ganze Teams und Organisationen, die sich mitten in Veränderungsprozessen befinden.

Der Weg nach innen

Um unsere körperliche und emotionale Gesundheit zu erhalten und in dieser hektischen, unsicheren Zeit nicht zu verzweifeln, sondern mental und körperlich stark und flexibel zu bleiben, führt kein Weg daran vorbei, auf sich selbst zu schauen und ganz ehrlich in sich hineinzuhören.

Welche Gedanken beschäftigen mich gerade am meisten? Welche Emotionen kommen immer wieder hoch, ohne dass ich genau weiß, warum? Wem gegenüber war ich heute ungerecht? Wie bin ich heute mit mir selbst umgegangen? Wo war ich zu hart zu mir, oder wo hat heute der innere Schweinehund für mich entschieden, statt ich selbst?

Diese Fragen sind unbequem. Sie sind auch selten die ersten, die wir uns stellen, wenn der Tag voll ist und der nächste Termin wartet. Genau deshalb sind sie so wirksam.

Achtsamkeit und Yoga sind Technologien

Achtsamkeit und Yoga werden oft belächelt, als nette Ergänzung, als Wellness-Extra für ruhigere Zeiten. Dabei sind es Technologien im eigentlichen Sinn des Wortes: erprobte, über Jahrtausende weiterentwickelte Werkzeuge, die genau dort ansetzen, wo moderne Belastung entsteht. Sie helfen dabei, aufrecht, gesund und ehrlich zufrieden durch das Leben zu gehen, gerade in einer Zeit, die selten stillsteht.

Mit meiner Arbeit möchte ich dir diese Lehren und Technologien näherbringen und dich einladen, deinem Geist, deinem Körper und deiner Seele etwas Gutes zu tun. Für dich. Damit du stabil bleiben kannst, wenn es um dich herum stürmisch wird. Damit du ein Leben führen kannst, das wirklich mit dir im Einklang steht, nicht gesteuert von den Erwartungen anderer, von Prägungen, Glaubenssätzen und alten Mustern.

Ich möchte dich dabei unterstützen, deine eigene Wahrheit zu finden. Was ist für dich richtig, was ist falsch? Wer bist du, wenn all diese Erwartungen, Glaubenssätze und Muster einmal beiseitetreten? Das ist für mich wahre Freiheit, Liberation im eigentlichen Sinn. Du nimmst die Gedanken, die auftauchen, dann nur noch wahr, ohne sie sofort zu bewerten, ohne ihnen blind zu glauben, ohne dich von ihnen steuern zu lassen. Chitta vritti nirodaha, so beschreiben es die Yoga-Sutren: Yoga ist das Zur-Ruhe-Bringen der Gedankenwellen.

Mehr als Asanas

Genau deshalb ist Yoga mit all seinen Facetten, die weit über Körperarbeit und Bewegung hinausgehen, immer Teil dieser Arbeit. Die acht Glieder des Yoga, von denen die Asanas nur eines sind, zeigen, wie wir uns selbst gegenüber verhalten können, wie wir gegenüber unseren Mitmenschen und unserer Umwelt handeln, wie wir den Atem nicht verlieren, wie wir fokussiert bleiben, auch wenn es wackelt, und wie wir Klarheit in unsere Gedanken und Emotionen bringen.

All das und noch mehr liefern uns die jahrtausendealten Schriften, die uns heute wahrscheinlich dienlicher sind, als sie es je zuvor waren. Nicht, weil die Welt heute anders wäre als früher, sondern weil das, was Menschen seit jeher stabil hält, in einer Zeit permanenter Beschleunigung dringender gebraucht wird als je zuvor.

Quellen:

the mindshift

Veränderung. Bewusst. Gestalten.

Saskia Ricker

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